S63 · Meta – Organisation & Integrität

Warum Korruptionsprävention und Qualitätssicherung im Sozialrecht versagen – und wie man es strukturell behebt.

Kernthese

Die Fehlentwicklungen in AOK, DRV, ZBFS & Justiz sind kein Zufall, sondern Ergebnis von Fehlanreizen, Intransparenz und mangelnder externer Kontrolle. Solange Institutionen für Ablehnen belohnt und für Fehler nicht belangt werden, produziert das System systematisch Unrecht.

Merksatz: Integrität ist kein Appell an Moral – sie ist ein Designproblem. Man bekommt das Verhalten, für das man Anreize setzt.

Problem-Landkarte

AOK ↔ MDK/MK

  • Verantwortungsverschiebung: „MDK entscheidet“ statt „MDK berät“.
  • Selektives Zitieren aus Gutachten (z. B. stationär „nicht zwingend“).
  • Interne Weisungen (faktische Pflichtgutachten) → Vermeidungslogik.

DRV ↔ Gutachter

  • Vergütung & Abhängigkeit: Gutachten orientieren sich an Auftraggeberpraxis.
  • Pauschalfloskeln statt konkreter Verweisungstätigkeiten.
  • Phantomjobs („Pförtner an der Nebenpforte“) als verdeckter Maßstab.

ZBFS

  • Serien-Unterbewertung trotz AHP/VersMedV.
  • Erstkorrektur nach Klage/Vergleich → Fehler lohnt sich.
  • Keine Rückwirkung im erforderlichen Umfang → Bürger verliert.

Justiz

  • Vergleichsdruck statt Urteile (keine Leitlinienbildung).
  • Überlastung → Verfahrensökonomie schlägt Rechtsklärung.
  • Strafrechtliche Hürde „offensichtliche Willkür“.

FehlanreizIntransparenzKontrolllückeFolgekosten

Mechanik der Fehlanreize (kurz)

  • Kosten- statt Nutzensteuerung: Ablehnung senkt kurzfristig Ausgaben → Mitarbeitende/Leitungen werden daran gemessen.
  • Keine Negativfolgen: Falsche Bescheide haben selten Konsequenzen (persönlich/behördlich).
  • Informationsvorsprung: Bürger ohne Akteneinsicht, ohne Daten → asymmetrische Verfahren.
  • Prozessökonomie: Vergleiche „entsorgen“ Fälle ohne Präzedenz.

Ergebnis: Fehler lohnen sich. Korrekte Entscheidungen kosten Zeit/Geld – falsche Entscheidungen selten.

Prinzipien einer intakten Governance

1) Trennung von Beratung & Entscheidung

MDK/MK berät, Kasse entscheidet – schriftlich dokumentiert, mit klarer Verantwortungszuteilung.

2) Transparenz by Default

Akteneinsicht, Begründungspflicht in Klartext, Offenlegung der Datenbasis (z. B. Arbeitsmarktdaten zu Verweisungstätigkeiten).

3) Unabhängigkeit & Rotation

Gutachter*innen-Rotation, Ausschluss bei Befangenheit, Peer-Review sensibler Gutachten.

4) Reversibilität & Wiedergutmachung

Schnelle Fehlerkorrektur mit Rückwirkung, Kostenübernahme beim Bürger.

5) Außenkontrolle

Unabhängige Ombudsstellen & Prüfungsgremien mit Einsichtsrechten; jährliche öffentliche Berichte.

Maßnahmenkatalog (konkret)

  1. Transparenzregister Gutachten: Name, Fachgebiet, Auftragsvolumen (aggregiert), Treffer-/Fehlerquote (rechtskräftige Korrekturen).
  2. Gutachter-Rotation & Peer-Review ab dem 2. Gutachten im selben Fall; Random-Audits.
  3. Konkrete Verweisungspflicht (DRV): Tätigkeitsprofil + Arbeitsmarktnachweis; Fiktionen untersagt.
  4. AOK/MDK-Entkopplung: Jedes MDK-Votum mit Beratungsetikett; AOK-Bescheid muss eigenständige Abwägung dokumentieren.
  5. ZBFS-Rückwirkungsstandard: Bei Fehlbewertung automatische Rückrechnung/Nachzahlung.
  6. Vergleichstransparenz: SG veröffentlichen Quoten Vergleich/Urteil, Gründe in Stichpunkten.
  7. Whistleblower-Kanal mit Rechtsschutz; Meldungen werden extern geprüft.
  8. Open-Data-Pflicht: Anonymisierte Statistiken (Ablehnungen, Korrekturen, Dauer, Kosten).

Wirkung: Fehlanreize werden gedreht. Richtig entscheiden lohnt sich – falsch entscheiden kostet.

Monitoring: Was messen wir?

Ablehnungsquote je TrägerKorrekturquote nach Widerspruch/KlageDurchschnittsdauer bis EntscheidungVergleich vs. Urteil (SG)Gutachten pro FallRückwirkungsvolumen € Red Flags (Frühwarnindikatoren)

  • Steigende Ablehnungsquote bei gleichzeitiger Senkung der Rückwirkungsleistungen.
  • Hohe Gutachtenzahl pro Fall (>3) ohne klare Begründung.
  • Regionale Ausreißer (z. B. auffällig viele Vergleiche, kaum Urteile).
  • Wiederkehrende Gutachter ohne Rotation im selben Rechtsgebiet.

Bürgerfreundliche Praxis (Checkliste)

  • Klartext-Bescheide (max. 1 Seite Zusammenfassung + Begründungspunkte).
  • Digitale Akteneinsicht für Betroffene & Bevollmächtigte.
  • Einheitliche Fristen & Status-Tracker (wer entscheidet was, bis wann?).
  • Schlichtungsstelle vor Klage – mit echter Verhandlungsmacht.
  • Gesundheit zuerst: Verfahrenspausen & Priorisierung bei PTED/Depression.

Verknüpfte Seiten

Schlussgedanke

Integrität fällt nicht vom Himmel. Sie entsteht, wenn Kompetenzen klar, Anreize richtig und Kontrollen unabhängig sind. Wer das Sozialrecht ernst nimmt, muss sein Organisationsdesign korrigieren – nicht die Bürger zermürben.